Energiewirtschaft und Stadtwerke im Umbruch und nun?

02. Juli 2012

Josef Hasler und Roman Dudenhausen

Die Situation des Energiemarktes ist seit Fukushima und der beschlossenen Energiewende der Bundesregierung nicht einfacher geworden. Dezentrale Einspeisung und Energieeffizienz- bemühungen können nur ohne wirtschaftliche Verluste implementiert und vorangetrieben werden, wenn die agierenden EVU sich vom tradierten Selbstverständnis des „Energiebereitstellers“ lösen und mit innovativen Geschäftsmodellen neue Wege beschreiten. Wollen Stadtwerke ihre gute Startposition letztendlich auch in wirtschaftlichen Erfolg umwandeln, gilt es, das Portfolio um Flexibilität und Risikobereitschaft zu erweitern.

Veränderte Rahmenbedingungen – neue Herausforderungen

Seit dem 11.3.2011 hat sich insbesondere die deutsche Energiewirtschaft grundlegend verändert. Denn die Nuklearkatastrophe von Fukushima beschleunigte in Deutschland die Energiewende, so dass bis zum Jahr 2022 alle deutschen Kernkraftwerke vom Netz genommen werden. Um dieses Ziel zu erreichen, muss nicht nur der Ausbau der erneuerbaren Energieerzeugung vorangetrieben werden und der damit einhergehende Netzaus- und -umbau erfolgen. Ebenso wichtig ist die zweite Voraussetzung für eine erfolgreiche Energiewende: Die Verbesserung der Energieeffizienz.

Dafür entwickelte die Bundesregierung bereits eine Reihe von Förderprogrammen weiter. Um andere Regelungen, wie die geplante EU-Energieeffizienzrichtlinie, wird noch heftig gerungen. Die Energiewirtschaft ist kontinuierliche Veränderungen aber mittlerweile gewohnt. Zwar erlebte Deutschland im vergangenen Jahr trotz weltweiter Krisen ein überraschend hohes Wirtschaftswachstum. Dennoch ist der Energieverbrauch rückläufig und insbesondere der Wärmebedarf ging stark zurück. Je stärker demnach die anvisierten Energieeffizienzmaßnahmen greifen, desto deutlicher werden sich in Zukunft Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch weiter entkoppeln.

Für die Energiewirtschaft bedeutet dies, dass die Absatzzahlen im klassischen Energievertrieb weiter rückläufig sein werden. Auch auf der Ertragsseite wird es zunehmend enger. Während sich die Strompreise für den Großhandel durch die Ausgleichsmechanismen auf dem europäischen Binnenmarkt kaum verändern, steigen die Energiepreise für die Privatkunden weiter an. Hauptgrund dafür sind Steuern und Abgaben, die sich seit 1998 verzehnfacht haben und beim Strompreis fast 50 % ausmachen.

Durch die staatliche Förderung der erneuerbaren Energien ist ein rasantes Wachstum insbesondere von dezentralen Erzeugungsanlagen zu verzeichnen. Bspw. speisen im Netzgebiet der N-ERGIE Aktiengesellschaft aktuell rd. 35 000 Anlagen – insbesondere Photovoltaikanlagen – in das Netz ein. Auch Windkraft nimmt in Bayern vor dem Hintergrund des proklamierten Ziels von 1 500 Windkraftanlagen derzeit stark zu. Als Folge des massiven Ausbaus ist mittelfristig auch auf der Beschaffungsseite mit steigenden Energiepreisen zu rechnen. Auf der Netzseite sind sinkende Ergebnis-beiträge politisch gewollt und werden durch staatliche Regulierung konsequent durchgesetzt. Damit sind lediglich 32 % des Strompreises marktbestimmt und die Spielräume bei der Preisgestaltung entsprechend gering.

Bei weiterhin sinkenden Energieverkäufen und zunehmendem Wettbewerbsdruck müssen Energieversorger, die sich unverändert auf das klassische Kerngeschäft beschränken, mit deutlichen Ertragseinbußen rechnen. Zugleich wachsen auf der Netzseite die technischen Anforderungen. Zur laufenden Netzverstärkung für die Einbindung der dezentralen Erzeugungsanlagen müssen die Netzbetreiber Maßnahmen umsetzen, welche die durch die volatile Stromeinspeisung enormen Spannungsschwankungen oder -gefälle im Netz ausgleichen, Stichwort System-Dienstleistung. Dies bedeutet massive Investitionen in neue Technik und in technisches Know-how.

Die Einspeisung von Energien aus regenerativen Quellen macht aus Kunden Erzeuger und selbstbewusste, fordernde Partner – Partner, die nicht nur durch Investitionen in mehr Energieeffizienz ihren Verbrauch drosseln, sondern zunehmend nach Energieautarkie streben und damit im klassischen Energiegeschäft den Umsatz schmä-lern werden. All diese Faktoren zeigen, dass sich die Rahmenbedingungen für die Energiewirtschaft grundlegend verändert haben. Kein EVU wird es sich leisten können, diese Veränderungen zu ignorieren. Eine strategische Neuausrichtung scheint deshalb unumgänglich.

Auswirkungen auf die Stadtwerke

Das skizzierte Szenario bedeutet nicht den Verlust des klassischen Kerngeschäfts. Trotz der veränderten Rahmenbedingungen werden Vertrieb und Netzwirtschaft weiterhin das Fundament und Rückgrat der Stadtwerke bilden, zumal sie durch ihre lokale bzw. regionale Ausrichtung eine starke Ausgangsposition mitbringen. Schließlich werden die Entscheidungen über den Bau der dezentralen Erzeugungsanlagen vor Ort getroffen.

Nicht Mammut-, sondern viele kleine Einzelprojekte werden der Energiewende zum Erfolg verhelfen und hier sind die Stadtwerke der natürliche, kompetente Partner – und zwar nicht nur auf dem Gebiet der regenerativen Energieerzeugung, sondern auch bei allen Maßnahmen zur Verbesse-rung der Energieeffizienz. Damit haben die Stadtwerke die Chance, sich als Treiber an die Spitze der politisch und gesellschaftlich gewollten Energiewende zu setzen und gleichzeitig ihr Bild in der Öffentlichkeit zu modernisieren.

Dennoch sollten sie sich keine Illusionen machen: Angesichts einer nie dagewesenen Preistransparenz und permanenter öffentlicher Preisdiskussionen werden auch viele ihrer Kunden ihren Verbleib letztlich von der Attraktivität des Energiepreises und anderer Produkte abhängig machen – trotz aller regionalen Orientierung. Um langfristig wettbewerbsfähig bleiben zu können, werden die Stadtwerke deshalb nicht umhin kommen, ihre Kosten zu senken. Zumal auch auf der Anbieterseite die Situation keineswegs statisch ist, sondern immer mehr auch ehemals branchenfremde Markt-teilnehmer um ihre Kunden werben. Dabei bietet sich den Wettbewerbern entlang der aufbrechenden Wertschöpfungskette eine Vielzahl von Angriffspunkten an.

Dies bedeutet, dass angesichts des schrumpfenden Marktes und sinkender Gewinnmargen die Stadtwerke die klassischen Bereiche Erzeugung, Transport, Handel und Vertrieb kontinuierlich optimieren müssen. Und damit nicht genug, sie müssen auch den anspruchsvoller gewordenen Kundenbedürfnissen nach mehr Individualität, Transparenz und Nachhaltigkeit Rechnung tragen und ihr Kundenangebot entsprechend erweitern und ergänzen.

Marktposition sichern durch Investition und Kooperation

Der Wandel der Rahmenbedingungen und die sich daraus ergebenden Konsequenzen stellen die gesamte Branche vor enorme Herausforderungen. Entsprechend groß ist vielfach die Unsicherheit gerade bei den Stadtwerken. Schließlich wird der erforderliche Um- und Ausbau nicht nur hohe Investitionen verschlingen, auch die unter-nehmerischen Risiken steigen. Dennoch sollten die Stadtwerke ihre gute Ausgangsposition nutzen und den Wettbewerbern das Feld nicht kampflos überlassen.

Voraussetzung für die erfolgreiche Umstrukturierung ist zum einen die Implementierung einer neuen Kultur des Wandels und der Risikobereitschaft. Zum anderen werden sich erfolgreiche Stadtwerke nach außen öffnen und Kooperationen mit externen Partnern anstreben. Diese Partner bieten die Chance, erkannte Defizite zu beheben, das bisherige Angebot zu erweitern und damit Wettbewerbsvorteile zu generieren. Diese Aussagen sind leicht gemacht, aber in der Umsetzung schwierig. Die Erfahrungen von Stadtwerken mit Kooperationen insbesondere außerhalb der Versorgungsindustrie sind noch sehr gering. Zudem gab es jahrzehntelang eine Fokussierung auf das Commodity-Geschäft, die erst einmal aufgebrochen werden müsste.

Wandlungsfähigkeit und Risikobereitschaft demonstrieren

Vor dem Hintergrund von Rekommunalisierung und Dezentralisierung genießen Stadtwerke in der Öffentlichkeit viel Sympathie. Dieser Vertrauens-vorsprung bietet die Grundlage, den dringend notwendigen Wandel einzuleiten. Die Stadtwerke werden in ihrem bisherigen Kerngeschäft schrumpfen. Weiter sinkende Margen sowie rückläufige Mengen bei hohem Kostendruck machen das Geschäft zwar nicht unprofitabel, erfordern jedoch große Anstrengungen und Einschnitte sowie einen Kulturwechsel hin zu mehr Risikobereitschaft und Offenheit. Prozesse sind kontinuierlich zu optimieren. Mit etwas Mut gehen die Stadtwerke neue Kooperationen ein, um damit auch neue Wege zu beschreiten. Dann kann es gelingen, die eigene Marktposition auf Dauer nicht nur zu sichern, sondern vielleicht sogar weiter auszubauen.Wollen sich die Stadtwerke weiterentwickeln und auch andere, neue Geschäftsmodelle durchdenken, so gibt es für sie einige Optionen. Dies gilt insbesondere für den urbanen Raum. In diesem städtischen Umfeld liegen die Wurzeln der Stadtwerke, der Zugang zu den Kunden sowie zu den relevanten Netzwerken. Mit einer Konzentration auf diese Stärken werden Energieversorger auch in Zukunft eine wesentliche Rolle in der urbanen Versorgung spielen.

J. Hasler, Vorsitzender des Vorstands, N-ERGIE AG, Nürnberg;
Dr. R. Dudenhausen, Vorstand, con|energy ag, Essen;

Artikel ist erschienen in et – Energiewirtschaftliche Tagesfragen; Ausgabe 07/2012

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